Was hat mich so werden lassen, wie ich bin?

Bloß nicht wie unsere Eltern werden! Das denken viele – und sie tun sich damit meistens nichts Gutes, meint Silvia Dirnberger-Puchner.

Die Frage, ob wir wie unsere Eltern werden, bringt viele Menschen zum Gedanken: Nein, bloß nicht! Es ist aber doch nicht alles schlecht an unseren Eltern, unserer Herkunft?

Dirnberger-Puchner: Natürlich nicht – aber die meisten Menschen haben entweder keine nährenden Eltern oder sind im Unfrieden mit ihnen. Oder sie haben den Eindruck, das Leben der Eltern ist nicht gelungen. Unsere Eltern sind und waren immer auch gut für uns. Aber wenn uns jemand konfrontiert mit dem Satz: „Du bist wie deine Mutter“, dann ist das fast nie als Kompliment gemeint. Mir geht es also auch darum, ein Stück zu schauen: Was ist das, was ich von meinen Eltern gut übernehmen kann, was mir nützlich ist?

Wann taucht dieses Thema im Normalfall bei den Menschen auf – sind das immer schwere Krisenzeiten?

Dirnberger-Puchner: Menschen beschäftigen sich mit ihrer Herkunft, mit ihren Eltern dann, wenn sie im Leben an eine Grenze kommen: Sei es durch Krankheit oder wenn es ihnen zu Hause oder im Job nicht gut geht. Das ist auch wirkungsvoll, denn der beste Veränderungsmotor ist die Not. Wenn die Not größer ist als die Angst, die Komfortzone des Gewohnten zu verlassen, dann fangen wir an, uns verändern zu wollen. Wer bin ich, wo komme ich her, was hat mich so werden lassen, wie ich bin? Damit beschäftigt man sich in Krisenzeiten, wenn man merkt, dass das eigene Verhalten nicht konstruktiv ist, wenn dieselben Probleme immer wieder kommen.

Der Wille zur Veränderung ist das eine. Mit der Fähigkeit, also der strategischen Umsetzung, hapert es dann aber oft.

Dirnberger-Puchner: Das stimmt. Man darf sich aber bewusst machen: Wenn man 30 Jahre lang immer dasselbe getan hat, dann ist dieses Verhalten auch neurologisch gebahnt. Um das zu verändern, muss ich zuerst einmal verstehen, was an meinem Verhalten nicht gut, gesund oder nützlich ist und warum das so entstanden ist. Daraus kann sich dann der Wille zur Veränderung entwickeln. Man muss klar sagen: Jedes Verhalten hat irgendwann einmal einen wichtigen Nutzen gehabt. Auch wenn mein Verhalten noch so schädlich ist, profitiere ich irgendwie davon! Wer zum Beispiel immer ja sagt, der profitiert, weil er sich Konflikte spart, kooperativ erscheint.  Auch das muss ich erkennen in dem, was ich verändern will – und dann kann ich mir ansehen, welchen Nutzen ich habe, wenn ich mich anders verhalte. Überwiegt dieser „neue“ Nutzen, dann gelingt es auch, uralt eingeprägte Verhaltensweisen zu ändern.

Das klingt jetzt eigentlich recht verlockend: Ich schaue mir an, was ich an alten Verhaltensmustern ändern möchte, das setze ich um und dann führe ich ein glückliches Leben.

Dirnberger-Puchner: Na ja, ganz so einfach ist es nicht: Wir werden bis zum Lebensende immer wieder Verhaltensweisen an uns entdecken, die nicht „gescheit“ sind. Wir werden immer wieder an den Punkt kommen, an dem wir überlegen sollten: Ist das jetzt noch nützlich, was ich tue, wie ich mich verhalte? Ich glaube, dieser Weg endet erst, wenn wir uns von dieser Welt verabschieden.  Aber eines stimmt sicher: Wenn ich beginne, diese essentiellen Verhaltensweisen, die mich irgendwann unweigerlich an meine Grenzen bringen, zu verändern, dann hat das Leben schon eine ganz positive Richtung.

Ein großes Thema in Ihrem Buch sind Selbstwert und Selbstwirksamkeit. Was tragen diese beiden zu einem gelungenen Leben bei? Und was haben unsere Eltern damit zu tun?

Dirnberger-Puchner: Grundsätzlich muss man einmal sagen: Wir alle sind einzigartig und gleichwertig! Viele Menschen fühlen sich nicht wertvoll, haben sogar die Idee, wertlos zu sein –  weil ihnen das von den Eltern, vielleicht nicht in böser Absicht, aber doch, immer wieder signalisiert worden ist. Mir ist folgende Botschaft so wichtig: Der Selbstwert bzw. das Gefühl, das wir damit verbinden, ist nicht in Stein gemeißelt. Das ist veränderbar. Die Reflektion darüber, dass ich wertvoll bin, kann ich verändern. Ich glaube, dass ein stabiler Selbstwert der wichtigste Faktor in allen beziehungsgestaltenden Verhaltensweisen ist. Es geht darum, den Fokus darauf zu richten, was man geschafft hat und dass das etwas sehr Wertvolles ist. Wert bekommt das, was man schätzt. Eltern die ihre Kinder lieben, schätzen diese auch, wenn sie etwas „Blödes“ tun.

 

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